Interviews / Presse





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Titel: Interview mit Joey : "Ross soll spielen was ihn glücklich macht"
Datum: 20 April 1988
 
Text

Vorwort: Lautes Gekicher entblockte ich dem Rest der weiblichen Belegschaft, als ich die Kolleginnen wissen liess, dass ich mit Manowar über deren neue Langrille „KINGS OF METAL“ zu sprechen gedenke. Stahlharte Wikinger in Lederhosenbeuteln reizen die Hammer-Beauties offensichtlich nicht, und Songs wie „Pleasure Slave“ (der Bonustrack der neuen CD) ernten allenfalls verächtliches Gejohle von uns harten Damen, die nicht mit der Winper zucken, wenn es gilt, aufdringlichen Kerlen zu zeigen, wo der Hammer hängt. Wenn dann hier auch noch die News eintrudelt, dass Ross The Boss die Band verlassen hat, um zu heiraten...! Hey, wir dachten, er wäre ein echter Mann!

Ich gebe dem neuen Album trotzdem eine Chance und musste verblüfft feststellen, dass es ein wirklich beeindruckendes Werk geworden ist, mit einem erstaunlich tiefen Sound und einer musikalischen Bandbreite, die vom schnellen Opener „Wheels of fire“ bis zum balladesken „Heart of steel“ reicht. Spricht man mit Joey DeMaio, merkt man sofort, dass er mit Herz und Seele hinter der Musik und dem ganzen Konzept Manowars steht, den Fans das bestmögliche Manowar-Produkt zu geben sein oberstes Gebot ist. Und über Aufrichtigkeit kann man sich nicht lustig machen, oder ?




Interviewer: Beginnen wir, Joey, mit dem Ausstieg von Ross unmittelbar nach Beendigung der aktuellen Produktion. Er hat euch nicht wirklich verlassen, um zu heiraten, richtig ?



Joey: Nein, er hat zwar eine nette Freundin, und die beiden wollen nächstes Jahr heiraten, aber das hatte nichts mit seinem Ausstieg zu tun. Darüber gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen. Ich weiss, eine grosse dramatische Geschichte wäre euch jetzt lieber und bei Splits ist es normalerweise auch üblich, dass irgendwelche Probleme über ihre Verhältnisse aufgebauscht werden, aber bei uns gab es einfach keine Probleme.


In den Jahren hat sich Ross mehr zu seinen Wurzeln zurückentwickelt; und das ist ein mehr blues-orientierter Gitarrenstil. Ross gehört möglicherweise zu den besten Blues-Gitarristen der Welt. Diese Tatsache ist nicht sehr bekannt, weil bei Manowar immer seine Metal-Einflüsse im Vordergrund standen. Mit der Zeit jedenfalls ist er wieder stärker in Richtung Blues gegangen, weil er mit dem Spiel der meisten neuen Metal-Gitarristen nicht viel anfangen konnte. Mit anderen Worten: Es wird tierisch schnell gezockt, aber mit Feeling hat das alles nicht mehr viel zu tun. Aber das ist Ross’ Stil. Um seine Identität zu bewahren, ging er wieder zurück an seine Blues-Wurzeln, und diese Richtung will er in Zukunft musikalisch einschlagen. Der Sound seiner neuen Band soll eine Fusion aus Hard Rock und Blues sein. Ich bin glücklich über diesen Schritt, denn ich will, dass Ross das spielt, was ihn am glücklichsten stimmt. Zweifellos hat er über die Jahre hinweg viel zu Manowar beigetragen – er war von Beginn an dabei – und er hat die Band jetzt zu dem Zeitpunkt verlassen, als er sicher war, ihr alles gegeben zu haben, was er hatte.“



Interviewer: Der neue Gitarrist hat zuvor nicht, wie wir irrtümlicherweise gemeldet hatten, bei der Poplegende Chicago gespielt.



Joey: Unser neuer Mann heisst David Shankle, und besonders die deutschen Leser von Metal Hammer/Crash dürften interessieren, dass er deutscher Abstammung ist ! Er ist einer der heissesten Flizefinger in Chicago; ich lernte ihn kennen, als wir dort seinerzeit „FIGHTING THE WORLD“ produzierten. Momentan gilt er als der Topgitarrist im Mittelwesten. Erst kürzlich gewann er einen Wettbewerb vor 75 anderen Gitarreros. Als erster Preis überreichte ihm Journeys Neil Schon eine rare Spezialanfertigung ! Er passt ganz hervorragend zur Band, ist ein wirklicher Wilder auf der Bühne und wird von den Manowar-Fans sicherlich akzeptiert werden. Vorerst weigert er sich, Interviews zu geben oder überhaupt mit jemanden zu sprechen – erst will er vor einer Horde fanatischer Manowar-Fans beweisen, dass er der richtige Mann für den Job ist. Wenn die ihn annehmen, wird er bereit sein, sich zu äussern.



Interviewer: Lass uns auf das neue Album zu sprechen kommen. Durch die Songs scheint sich thematisch ein roter Faden zu ziehen; ist die Scheibe als Konzeptalbum zu verstehen ?



Joey: Ich würde es gerne als solches sehen, aber das scheint das Jahr der Konzeptalben zu sein, und der ganze Müll, der jedermann zur Zeit „Konzeptalbum“ schimpft, geht mir gewaltig auf den Zeiger. Ich will nicht, dass unsere LP mit diesem Schrott verglichen wird, deshalb nehme ich Abstand von dieser Umschreibung. Belassen wir’s also dabei, dass Du mit der Feststellung, thematisch zieht sich ein roter Faden durch die Songs, den Nagel auf den Kopf getroffen hast.Das mit dem Titel „KINGS OF METAL“ ist so eine Sache – hierbei handelt es sich nicht etwa um irgendeine Art von Hype, wir sind ganz einfach die Kings of Metal ! Der Grund, warum ich das behaupten kann, und ich möchte keinesfalls als arroganter Arsch missverstanden werden, ist folgender. Wir haben damals, als diese Band formiert wurde, einen Blick auf die Heavy Metal-Szene geworfen und sie analysiert, Stärken und Schwächen abgewägt, die Schwächen vergessen und aus den Stärken den so-und-so-vielten Grad des Genres kreiert. Das ist alles, was wir machen: Wir nehmen alles und überschreiten musikalisch die Grenzen, die sich andere setzten. Wir sind das, was zu sein andere nur vorgeben.



Interviewer: Darf ich daraus schliessen, dass Du von der derzeitigen Metal-Szene nicht gerade beeindruckt bist ?



Joey: Lass uns ehrlich sein – die Musikindustrie steckt in einem Tief. Man macht sich förmlich in die Hosen, wenn es darum geht, neue Wege zu beschreiten. Ich schätze, das ist der Grund, warum wir immer wieder solche Dinge machen, einen ganzen Chor einsetzten oder ein Orchester – irgendjemand muss es schliesslich machen. Man verkauft damit natürlich nicht Millionen von Alben, und im Trend liegt es auch nicht, aber wir können immer behaupten, dass wir uns Mühe geben, alles, was wir tun, so gut wir möglich und vor allem auf unsere Art und Weise tun. Das ist wesentlich wichtiger – wenigstens in unseren Augen.Es ist eine Schande, dass zukünftige Musiker, die jetzt gerade aufwachsen, von Müll beeinflusst sein werden; dieser Gedanke regt mich auf ! Es ist nun mal so: Du wirst von deinen Einflüssen geprägt, und wenn deine Einflüsse Verlierer sind, ist es schwer, dagegen anzustinken. Ich bin unglaublich dankbar, dass ich das Glück hatte, in einer Zeit aufzuwachsen, als Musik noch Musik war – Black Sabbath, Deep Purple, die wahren, grossen und talentierten Heavy Metal Bands. Denn das Gros der temporären Musik, Heavy Metal ganz besonders, liegt unglaublich tief unter dem Durchschnitt.



Interviewer: Erfreulich ist in diesem Kontext, die Tatsache, dass die Songs eures neuen Albums stilistisch variieren. Heutzutage haben LP’s Hochkonjunktur, auf denen sich ein Song wie der andere anhört.



Joey: Die Fans, die wir in den Jahren gewonnen haben, erwarten Material, das sich voneinander unterscheidet. Uns dieser Tatsache bewusst, gehen wir ein Album an. Wenn wir touren, sprechen wir regelmässig mit unserem Publikum; wir gehen gerne mit unseren Fans in Kneipen, um mit ihnen zu trinken und zu feiern, denn das ist der einzige Weg, um sie richtig kennenzulernen. Wenn man zuhört, was sie sagen, kann man sich nicht dagegen wehren – man wird von ihren Anregungen beeinflusst. Das ist meiner Meinung nach die einzige wahre Art von Inspiration. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir nicht darüber nachdenken müssen, ob wir einen langsamen Song, einen schnellen Song, einen Song mit Orchester, Chor und Orgel aufnehmen können oder nicht, denn wir wissen, dass unser Publikum das alles erwartet. Das macht Manowar aus.



Interviewer: Ihr habt dieses Album selbst produziert ?



Joey: Wir haben in der Vergangenheit mit Produzenten gearbeitet und dabei gute wie schlechte Erfahrungen gemacht. Aus jeder, ob gut oder schlecht, haben wir unsere Lehren gezogen. Wir kennen unsere Identität und den uns am besten zu Gesicht stehenden Sound gut genug, um nicht fragen zu müssen: „Klingt es hier mit Effekt besser ?“. Wir versuchen einfach nur, auf Platte das zu reproduzieren, was die Band live auszeichnet: ein natürlicher, direkter Sound.



Interviewer: Eine der Überraschungen des Albums ist zweifellos das Mitwirken eines Orchesters und eines hundertstimmigen Chors, denn nicht wenige hielten unser DeMaio-Zitat in den News vor einigen Monaten, als er genau das ankündigte, für einen blöden Witz.



Joey: Für Eric, Scott, Ross und mich ging damit ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung; wir wollten schon immer mit einem Chor, einem Orchester und einer Kirchenorgel arbeiten. Viele denken darüber nicht nach, aber das erste Instrument war die Stimme, und alle anderen, die folgten, versuchten, die Stimme zu imitieren. Die Kirchenorgel kam dem Vorhaben ziemlich nahe und ist ausserdem das powervollste Instrument überhaupt – und POWER wurde bei Manowar immer gross geschrieben. Klassische Musik ist, entgegen der Meinung vieler, keineswegs soft. Es gibt nur verdammt wenige Sachen, die powervoller als die Kombination einer Orgel, eines grossen Chors und einer Orchesters sind.



Interviewer: Um das Maximum herauszuholen, hatte Joey darauf bestanden, den Chor in der St. Paul’s Cathedral in Birmingham, und nicht etwa in einem sterilen Studio, aufzunehmen. Auf die Atmosphäre kam es ihm an.



Joey: Es war lustig; da stand ich in verwaschenen Jeans, dort diese Jungs vom Chor in standesgemässer Montur. Wir haben Teile der Aufnahme auf Video mitgeschnitten; irgendwann werden wir das einmal veröffentlichen.



Interviewer: Die Kosten dieser Extravaganza müssen den Verantwortlichen euer Plattenfirma Alpträume beschert haben!



Joey: Einige Leute in Amerika sagten: ‚Ihr geht WOHIN ? Und macht dort WAS ? Hat das überhaupt noch etwas mit Heavy Metal zu tun ?!’ Aber wir haben nun mal den klassischen Hintergrund. Manowar hat ein Prinzip – wir gehen grundsätzlich unseren Weg. Einen anderen Weg gibt es für uns nicht.



Interviewer: Um zum Ende zu kommen – wann sehen wir euch auf der Bühne wieder ?



Joey: Unsere World Tour dürfte mit dem Erscheinen dieser Ausgabe schon begonnen haben. Europa steht im Februar/März auf dem Programm. Ich freue mich, denn wir geniessen es, auf Tour zu sein. Viele Bands sagen: ‚Eine Tour ist eine Plage, hoffentlich ist bald Schluss.’ Wenn’s so ist – geht heim Jungs!



Interviewer: Und ist Manowar immer noch die lauteste Band der Welt ?



Joey: Machst du Witze ? Haben die in Kennedys etwa Angst vor Feuerwaffen ??



Interviewer: Das ist eine Bejahung, vermute ich...