Interviews / Presse





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Titel: Rock Hard interviewt Joey DeMaio: Die purste Form des Gebens
Datum: 10 Mai 2002
 
Text

Interviewer: Mit einer Waffe wie Warriors of the World in der Hinterhand sollte Herr DeMaio aber auch für jede metallische Schlacht bereit sein, zumal sich der Vier-Seiten-Artist bewusst sein dürfte, dass die ausgehungerten Fans bereits am Erscheinungstag zu Zehntausenden in die Shops marschieren werden, um den verängstigten und verstört dreinblickenden Verkäufern das prima produzierte und zum Großteil fantastisch komponierte Teil aus den Poser Händen zu reißen.
Da verwundert es dann auch nicht, dass Warriors of the World streckenweise – vor allem im Vergleich zum 1996 erschienenen Vorgänger „Louder than Hell“ experimenteller, progressiver und abwechslungsreicher ausgefallen ist. Songs wie der sogar als Opener platzierte Midtempo-Banger „Call to arms“ oder das unglaublich epische Meisterwerk „Swords in the Wind“ atmen durchaus ein wenig den Spirit von Alben wie „Hail to England“ oder „Sign of the Hammer“, was der an einem verregneten Mittwochabend durchklingelnde Joey DeMaio, der eh einen leicht grantigen Eindruck macht, natürlich völlig anders sieht...



Joey: Ich finde nicht, dass sich die Platte stark von ihren Vorgängern unterscheidet. Wir haben nämlich nie unsere Wurzeln vergessen. Bevor ich neues Material komponiere, durchlaufe ich meine eigene kleine Zeremonie: Ich höre mir alle unsere Scheiben an, damit ich niemals vergesse, wo wir herkommen. Dieses Bewusstsein will ich immer in meinem Herzen tragen. Vielleicht kann man die neue CD so beschreiben, dass wir von jedem unserer Alben einen Song genommen und das Ganze auf einer Veröffentlichung vereint haben.



Interviewer: Also spielen die Postings und Briefe von euren Die hard Fans beim Kompositionsprozess keine große Rolle? Immerhin wurden des öfteren Stimmen lauf, die epische Sachen forderten, und ein Bass-Solo – ein weiterer ewiger Kritikpunkt – ist auf „Warriors of the World“ auch nicht zu finden.



Joey: Unsere Verantwortung ist es, die bestmöglichen Platten zu machen. Es ist zu anstrengend, auf jede einzelne Meinung zu hören. Schließlich haben wir weltweit zehn millionen Fans. Wir wissen, was unsere Supporter von uns erwarten, und das haben wir immer erfüllt.
Was Bass-Soli angeht: Ich bin nicht der Meinung, dass das ein ständiger Kritikpunkt war, und es fragen mich im Moment jede Menge Leute nach so einem Stück. Für das nächste Album werde ich also eins einspielen!



Interviewer: Und wann ist das? In sechs Jahren?



Joey: Nein, wahrscheinlich schon nächstes Jahr. Und zwar sehr wahrscheinlich.



Interviewer: Mit den beiden Instrumentals „Valhalla“ und „The March“ sowie „Nessun Dorma“, einer Neuinterpretation einer Arie aus der weltberühmten Puccini Oper „Turandot“, habt ihr drei klassische bzw. stark von der Klassik beeinflusste Stücke auf der Scheibe stehen. Könnte das für manche Fans zu viel sein?



Joey: Nein, absolut nicht. Mit „The March“ danke ich meinem großen Helden Richard Wagner, der den Heavy Metal erfunden hat , und „Valhalla“ ist die Vertonung meiner Idee, wie es für einen Krieger ist, wenn er glorreich in einer Schlacht fällt und nach Walhalla getragen wird. Mit „Nessun Dorma“ wollen wir dagegen zeigen, dass Manowar die höchsten Opern Standards halten können. Deshalb haben wir auch ein so weltberühmtes Stück ausgewählt, denn es gibt aufgrund der unzähligen Versionen jede Menge Vergleichsmöglichkeiten. Wir beweisen mit dieser Neuinterpretation, dass wir wahre Musiker sind, die auf einem Level spielen, wo sich andere Bands noch nicht mal hintrauen.



Interviewer: Mit „American Trilogy“ habt ihr einen sehr gewöhnungsbedürftigen Song auf der neuen Platte, der bereits von Elvis des öfteren live dargeboten wurde. Denkst du, dass eure Fans – vor allem in Europa – ein Quasi-Elvis-Cover akzeptieren werden?



Joey: Natürlich werden sie das. Wenn sie eine Puccini-Arie akzeptieren, dann mit Sicherheit auch einen Elvis-Song. Wir haben seine Interpretation immer geliebt; zudem ist die Message fantastisch und wir dgerade in der heutigen Zeit gebraucht. Der Text erzählt die Story des Bürgerkriegs, wobei der erste Teil, „Dixie“, dem Süden gewidmet ist, während der zweite „Battle Hymn of the Republic“, die Hymne des Nordens war. Abgerundet wird das Ganze von einem Gebet für die Gefallenen. Zudem sollte man nicht vergessen, dass Elvis der „King of Rock’n’Roll“ und alles andere als ein Imitator war. Alle anderen haben ihn nachgemacht. Drittens hatte er eine unglaubliche Stimme, und viertens war er ein Genie. Dieses Stück ist einfach zeitlos und geht sofort ins Herz.



Interviewer: Ist es Zufall, dass ein solch hundertprozentig amerikanischer Track ein paar Monate nach den Anschlägen des 11.September erscheint?



Joey: Alle Songs des Albums haben gemeinsame Themen: Gemeinschaft, Kampf, Einigkeit, Bruderschaft. Der 11.September war etwas Spezielles, das in New York passiert ist. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir Unmengen an terroristischen Aktivitäten auf der ganzen Welt haben – in Irland oder wo auch immer. Der 11.September war Amerikas erste Möglichkeit zu sehen, worunter andere Länder schon immer leiden mussten. Wir sind keine Politiker, sondern Musiker. Es ist schön, dass der Song in die heutige Zeit passt, aber er wurde lange vorher geschrieben.



Interviewer: Vor einigen Wochen kursierten im Internet einige Statements zu der Absage einer Manowar Show in West Springfield, Virginia. Ein Streit, der sehr deutlich macht, wie wenig kompromissbereit die „Kings of Metal“ sind. Was waren die Probleme, Joey?



Joey: Ich hatte keine Probleme.



Interviewer: Anscheinend wolltet ihr euch nicht den Forderungen des Veranstalters unterordnen...



Joey: Wenn ich mich richtig erinnere, ging es um Sound Fragen. Wir sollten leiser spielen. Also habe ich gesagt: Wenn wir den Fans keine 100 % geben dürfen, lassen wir es ganz sein. Es ist schwer genug, diese Club-Gigs zu spielen, und es ist noch schwerer, dies mit schlechten Sound und Lichtbedingungen zu tun. Ich verarsche unsere Fans nicht. Wenn die Leute nicht das bekommen, für was sie bezahlt haben, treten wir nicht auf. In Paris hatten wir vor einigen Jahren ja ein ähnliches Problem. Der Soundcheck war bereits gelaufen, ich spielte noch etwas Bass für mich alleine, und dann sagten uns die Veranstalter, das wir leiser drehen sollten. Der Gig war ausverkauft, aber wir mussten canceln. ICH war dann derjenige, der vor die Halle ging und die Leute beruhigte, damit es nicht zu einem Aufstand kam.



Interviewer: Laut des Veranstalters in Virginia hättest du sechs Leute gefordert, die euren Truck entladen sollten...



Joey: Das stimmt. Ich habe enorm viel Equipment. Wir sind nicht die verdammten Backstreet Boys.



Interviewer: ...und einen lokalen Support Act wolltest du angeblich auch nicht haben.



Joey: Davon weiß ich nichts.



Interviewer: Das Internet-Statement endete mit dem Vorschlag, dass du doch einfach nach Europa gehen sollst, wenn du deinen Arsch geküsst haben willst.



Joey: Dafür muss ich nicht nach Europa fliegen. Ich habe jede Nacht drei verschiedenen Girls, die mir den Hintern küssen. Ich habe es ganz gerne, wenn man meinen Arsch küsst, aber das hängt natürlich auch ganz von den Mädels ab. Ich gebe jedem eine reelle Chance! Aber ich werde den Typen nicht fragen, den ich interessiere mich nicht so für Jungs. Sorry, falsche Band



Interviewer: Apropos „Arsch küssen“: Bereust du es heutzutage, mal einen Song wie „Pleasure Slave“ geschrieben zu haben? War das damals nicht ein bisschen ZU heftig?



Joey: Die Idee zu Pleasure Slave stammte aus einem Buch, in dem ein Planet beschrieben war, der von Kriegern bevölkert ist. Die Frauen waren Sklaven – und das freiwillig. Dabei handelt es sich um die purste Form des Gebens. Der text wurde missverstanden. Manche Leute versuchen halt, Dinge zu interpretieren, und machen dies falsch. Wie oft passiert uns das zum Beispiel, wenn wir einen Film gucken? Wir vergessen oft, das die Regisseure oder Schauspieler dem Ganzen oftmals ein Jahr ihres Lebens gewidmet haben. Es ist leicht, jemanden anzupissen, aber schwer, das Werk eines anderen zu würdigen. Wenn man damit allerdings nicht umgehen kann, ist man im falschen Business.



Interviewer: Nach deiner These dürfte man dann ja gar keine Kritik mehr üben...



Joey: Wenn eine Band so groß ist wie Manowar, freuen sich viele Leute, wenn sie etwas finden, worüber sie sich auslassen können. Es macht ihnen Spaß, auf jemanden zu zielen, der an der Spitze steht. Wir sind eben sichtbar, und je sichtbarer man ist, desto mehr Leute schauen einen an und sind eifersüchtig. Ich würde nichts an „Pleasure Slave“ ändern. Gar nichts. Du kannst nur gewinnen, wenn du bereit bist zu spielen. Wenn du in ein Kasino gehst und fünf Dollar einsetzt, kannst du vielleicht zehn absahnen. Wenn du alles setzt, gewinnst du alles. Wir setzten alles auf die Musik und haben deshalb die besten Fans der Welt.



Interviewer: Kannst du dich eigentlich noch an die Zeit vor Manowar erinnern, als du als Bass-Roadie und Pyrotechniker mit Black Sabbath unterwegs warst?



Joey: Ja, mein Erinnerungsvermögen funktioniert noch ganz gut. Sooo alt bin ich außerdem auch noch nicht. Ich bin ein Junge im Körper eines Mannes.



Interviewer: Was waren damals deine Träume?



Joey: Ich wollte niemals in einem total versifften Club spielen und mir von dem Inhaber irgendwas sagen lassen. Kein Fucker wird mir jemals befahlen, meinen Regler runterzudrehen. Ich wollte meine eigene Band haben. Ich wollte spielen – und zwar ohne Kompromisse. Denn wenn du einmal einen Kompromiss eingehst, machst du irgendwann noch einen und noch einen und noch einen. Das ist definitiv der falsche Weg. Wenn du in diesen Kreislauf gerätst, bist du auf der Straße zur Hölle.