Interviews / Presse





Informationen
Titel: Wagner ist an allem Schuld
Datum: 1999
 
Text
Interview with Joey DeMaio
Published by : Unknown
Interviewer : VALERIE POTTER
Published on : 1999
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Wagner ist an allem Schuld

Es war wohl jedem Heavy Metal-Fan ein unerfüllter Herzenswunsch, dass Manowar ihre Klassiker aus den Archiven ziehen und nach all den Jahren endlich einmal Live präsentieren: „Bridge to death“, „Guyana (Culg of the damned)“, „Gates of Valhalla“ oder gar neuere Hits wie „Blood of the kings“ mal wieder zu erleben, gehört wohl immer noch zu jenen Träumen der Menschheit, die allenfalls mit der Fähigkeit zu fliegen gleichgesetzt werden können. Kein Wunder, dass der Mann, der dies alles ermöglicht hat, extrem gut gelaunt ist und nicht nur von der neuen Doppel_Live CD „Hell on Stage-Live“ berichtet.


Joey: Es ist unglaublich, was zur Zeit über uns hereinbricht. Von allen Seiten werden wir wegen ‚Hell on stage-live’ hofiert. Es tut richtig gut, wenn man auf diese Weise die Bestätigung erhält, alles richtig gemacht zu haben. Dabei spielt es keine Rolle, woher diese Komplimente kommen, denn auf einmal herrscht unerwartete Einheit bei Fans und Presse ob der Qualität dieses Albums, und das ist für mich schon eine kleine Sensation



Interviewer: Ist dieses Album auf Druck der Fans entstanden ? Ihr müsst ja mittlerweile von Bittgesuchen bezüglich eurer Setlist überschwemmt worden sein ?



Joey: Das hättest du in der Tat sehen müssen ! Wir sassen vor einem Briefberg – das ist jetzt wirklich nicht übertrieben -, und als wir den geschafft hatten, merkten wir, dass mittlerweile auch noch ein Haufen E-Mails auf seine Bearbeitung wartet. Natürlich hatten wir über Jahre hinweg die Wünsche der Fans verfolgt, doch es gab sich einfach nicht der richtige Zeitpunkt, die ganzen Klassiker auf Tonträger zu bannen. Das wurde uns spätestens beim Mix von „Hell on Wheels“ klar, denn plötzlich fiel uns auf, dass nach acht Studioscheiben der Platz auf einer Live-Doppel-CD gar nicht ausreichen würde. Wir sassen da, zermarterten uns die Köpfe, aber es wäre trotzdem nur ein halbgarer Kompromiss geworden. Also beschlossen wir, ‚Hell on Wheels’ als Teil 1 zu betrachten, und riefen die Fans auf, sich Songs für Part 2 zu wünschen. Wir haben uns schon vor geraumer Zeit darüber unterhalten, in Zukunft mehr Klasiker wie ‚Bridge of death, ‚Blood of the kings’ oder ‚Guyana’, die wir nie live gespielt haben, in unser Set einzubauen, aber aufgrund der ganzen überschwänglichen Reatkionen war es unvermeidlich, dass wir fast nur alte Tracks auf ‚Hell on stage’ gepackt haben. Ich bin froh, dass die Fans nun endlich die Titel zu Hause hören können, auf die sie so lange haben warten müssen



Interviewer: Andere Bands wie Metallica, Judas Priest und Iron Maiden wirkten von Zeit zu Zeit reichlich angepisst, wenn jemand die Qualität ihrer neuen Titel gegenüber den Band-Klassikern bemängelte, zudem sie selten eine Gelegenheit ausliessen kund zutun, wie sehr es ihnen inzwischen auf den Sack ginge, die alten Songs spielen müssen.



Joey: Das ist doch totaler Humbug! Wenn die Fans es wollen ?! Wir haben die Lieder geschrieben und haben sie auch auf Tonträger für die Nachwelt festgehalten. Diese Tracks sind ein Teil unserer Geschichte, ein Teil von uns selbst, den wir nicht verleugnen können und auch nicht wollen. Warum soll ich die Leute vor den Kopf stossen, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin ? Die ‚Hell on stage’-CD ist für mich das Zuckerl zur Tour. Die Menschen möchten Teil eines Events sein, von der Atmosphäre umschlungen und liebkost werden, sich hiterher den Silberling kaufen und sagen: ‚Ich war dabei und habe es live erlebt!’. Das macht den Unterschied zur puren Tonkonserve aus. Man muss den Fans die Möglichkeit geben, sich mit einer Aufnahme zu identifizieren, und ich sage dir: Bei uns kann sich das Publikum endlich einmal selbst hören, haha! Wenn andere Combos behaupten, dass sie ihrer alten Songs überdrüssig geworden sind, so kann ich nur das Manowar-Prinzip empfehlen: Uns haben schon allein die Proben für die ‚Hell on stage’-Tour einen Heidenspass gemacht, denn du darfst nicht vergessen, dass wir manche Songs noch nie, andere wiederrum jahrelang nicht gespielt haben. Es war ein Knochenjob, sich das ganze Material daraufzuschaffen, und im Endeffekt war es wie eine Tour zu einem neuen Album.



Interviewer: Ist es nicht ein seltsames Gefühl, seien eigenen Songs lernen zu müssen ?



Joey: Absolut. Nun weiss ich endlich, warum sich so viele Musiker schwer damit tun, einen Manowar-Song zu covern ! Ich sass wirklich nächtelang vor den Titeln und habe sie Note für Note abgehört, um wieder das richtige Gefühl darüber entwickeln zu können. Nicht, dass ich jetzt komplett alles vergessen hätte, aber die Ansprüche sind bei Manowar etwas höher als bei anderen Bands, es perfekt klingen zu lassen. Deswegen habe ich mir die Zeit genommen und mich an damals erinnert. Vor meinem inneren Auge lief es wie ein Film ab. Diese ganzen schönen Erinnerungen haben es mir erleichtern, den Songs die richtigen Vibes zu geben. Und trotzdem war es anders als damals, denn mittlerweile sind Manowar gewachsen und erfolgreicher denn je. Und es macht eben viel mehr Spass, wenn mehr Leute da sind, die die alten Tunes aus voller Kehle schmettern können. Und gerade deshalb war es auch für viele Fans, mit denen ich gesprochen habe, ein erhebendes Gefühl. Da waren Leute, die sich damals ‚Kings of metal’ gekauft haben und nun zum ersten Mal in den Genuss ihrer persönlichen Favoriten gekommen sind – die ganze Tour war einfach supergenial.



Interviewer: Wo liegen den aus deiner Sicht die Unterschiede zur ‚Hell on wheels’-Tour begründet ?



Joey: Wir sind von vornherein ganz anders an die Sache herangegangen, unsere Einstellung und Erwartungen waren vllkommen anders gelagert als bei der ‚Hell on wheels’-Tour. Besagte Rundreise war an Superlativen kaum zu übertreffen: Riesige Hallen, riesige Pas, Lichttraversen, Mitarbeiter und Produktionskosten insgesamt – wir schwebten auf Wolke sieben, so atemberaubend war die ganze Chose. Als ich von der Tour nach Hause kam, wurde allerdings mein Vater schwer krank, was alle Planungen für die kommenden Gigs vollkommen über den Haufen warf und mich sehr deutlich auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Wir entschieden uns, vorerst alle Live-Aktivitäten auf Eis zu legen. Als es dann mit meinem Vater wieder bergauf ging und alle Eventualitäten berücksichtigt waren, sagten wir: ‚Jetzt können wir wieder rausgehen und unsere Energie und Aufmerksamkeit zu hundert Prozent den Fans widmen’. Allerdings wollten wir das Pferd dabei von hinten aufzäumen und weg von riesigen Venues hin zu einer privateren Atmosphäre – nach dem Motto: Lieber kleinere Shows, aber mehr davon. Es sollte ganz einfach eine Entschuldigung für die zuvor ausgefallenen Gigs sein, ein Dankeschön für das Verständnis der Fans in einer sehr schweren Zeit meines Lebens. Dabei war es wichtig, die Wünsche der Fans zu berücksichtigen und ihnen so nah wie möglich zu sein. In diesen grossen Hallen sind wir ja meist durch Burggräben, die die leidigen Sicherheitsvorschriften bei euch erfordert, voneinander getrennt. Eigentlich war die ‚Hell on stage’-Tour eine echte Party-Tour: Nacht ‚rocking, drinking and fucking’ und mit Fans rumhängen – das war das beste Gefühl der Welt.



Interviewer: Auf der „Hell on wheels“-Tour konnte ich zum Glück einen kleinen Akustik-Exkurs des Meisters geniessen, der sich eine gute Stunde Zeit nahm, um mir die Eckpfeiler eines guten Live-Sounds und eines optimalen Klangraumes zu erklären. Der Sound auf ‚Hell on stage’ ist um einiges rauer und bodenständiger als bei ‚Hell on wheels’. Dahinter muss volle Absicht stecken.



Joey: Exakt. Der Sound auf ‚Hell on stage’ ist im Vergleich zu ‚Hell on wheels’ viel erdiger, was den Klassikern sehr gut zu Gesicht steht. Das liegt daran, dass grosse Arenen meist absolut scheisse konstruiert sind und auch absolut so klingen. Da bekommst du Feedback von den Hallenmikros, die eigentlich einen authentischen Raumklang liefern sollten, dafür muss du dann mehr vom trockenen Mischpult-Sound übernehmen – also für eine Live-Aufnahme sind die Räumlichkeiten meist eine völlige Katrastrophe. Mittelgrosse Hallen, wie wir sie für ‚Hell on stage’ genutzt haben, sind dafür einfach am besten geeignet. An der Aufnahmetechnik selbst haben wir nichts geändert, sie ist eine Mischung aus digitalem und analogem System. Der Unterschied liegt darin, dass der Anteil der analogen Sound etwas gestiegen ist, weil die Qualität einfach besser war, dadurch ist das Publikum etwas lauter zu hören.



Interviewer: Du hast doch nicht etwa ein bisschen nachgeholfen und die Publikumsgeräusche von Kiss ‚Alive II’ gesampelt ?



Joey: Fuck, no ! Eher würde ich mir meinen Schwanz abschneiden lassen, bevor ich so was mache ! Was ihr live hört, ist das, was ihr hinterher auch bekommt. Du kennst ja meinen Perfektionismus. Liesse ich mich darauf ein, irgend etwas an den Aufnahmne nachträglich im Studio zu korrigieren, würde es zehn Jahre dauern, bis Manowar eine Live-Scheibe auf den Markt bringen würden. Bezüglich Studio und live bin ich Dr. Jekyll und Mr. Hyde: Im Studio bin ich der Alptraum schlechthin – für mich und meine Mitmenschen. Auf der Bühne vergebe und verzeihe ich mir selbst etwas mehr, denn ich weiss, dass die Fans für kleine Spielfehler Verständnis haben, wenn ich eine Hand einem ‚Brother of metal’ reiche, ein Bier in der anderen und ein Girl zwischen den Beinen habe, haha !“